Tipps für Eltern

1. Beobachten Sie Ihr Kind

Oft haben Mobbingbetroffene Angst davor, sich ihren Eltern anzuvertrauen. Das liegt meist daran, dass sie Angst haben von ihren Eltern in Frage gestellt zu werden, es ihnen peinlich ist, sie ihre Eltern nicht belasten möchten oder sie einfach lieber mit jemand anders daraüber sprechen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Sie ihr Kind gut beobachten und reagieren, sobald Ihnen etwas komisch vorkommt. Mobbingbetroffene verändern sich meist stark in ihrem Verhalten, was sich besonders leicht an der Körpersprache erkennen lässt. Diese ist geduckt, wobei die Schultern leicht nach vorne hängen, der Rücken etwas gekrümmt ist und der Kopf hängt. Andere wichtige Anzeichen sind plötzliche Verhaltensveränderungen. Das bedeutet, dass ihr Kind plötzlich sehr zurückgezogen und ruhig ist oder im Gegenteil auf einmal sehr viel Aufmerksamkeit braucht und diese vielleicht auch durch unangemessenes Verhalten zu erreichen versucht. Auch das Essverhalten kann verändert sein. Sollten Sie solche Anzeichen entdecken, ist es wichtig, dass Sie Ihr Kind dafür weder anschreien noch masregeln. Zeigen Sie Verständnis für die schwierige Situation Ihres Kindes und bieten Sie sich als Gesprächspartner an. Wenn Ihr Kind Ihnen von seinem täglichen Martyrium erzählt, dann machen Sie bitte nicht den Fehler, die Schuld dafür bei ihrem Kind zu suchen oder das Berichtete zu verharmlosen. Niemand verdient es so behandelt zu werden. Es handelt sich um einen gruppendynamischen Prozess, der nicht auf eine einzelne Person zurückzuführen ist. Also zeigen Sie ihrem Kind, dass Sie hinter ihr/ ihm stehen und sie/ ihn unterstützen. Beim Mobbing wird Ihrem Kind tagtäglich gezeigt, dass es nicht dazugehört, wertlos und ein schlechter Mensch ist. Das stimmt natürlich nicht, aber wenn einem das lange eingeredet wird, beginnt man irgendwann damit das zu glauben. Sie müssen also jetzt dagegen arbeiten und Ihrem Kind zeigen, dass Sie es lieben und zwar genauso wie es ist, es wertschätzen und Sie es in Ihrem Leben brauchen. Natürlich kann es auch sein, dass Ihr Kind nicht der Mobbingbetroffene ist, sondern sich am Mobbingbeteiligt- sei es als Täter, Mitläufer oder Byestander. Darauf können Sie nicht stolz sein, aber denken Sie einmal zurück an Ihre Jugend. Haben Sie da nicht auch Fehler gemacht? Wieso gestehen Sie Ihrem Kind dann nicht auch zu seine eigenen Fehler zu machen und daraus zu lernen? Wenn Ihnen also auffällt, dass Ihr Kind abwertend über andere spricht, dann maßregeln Sie dieses Verhalten. Oft testen Kinder, insbesondere Teenager, ihre Grenzen aus und wollen auch, dass man Ihnen diese aufzeigt. Wenn andere Eltern auf Sie zukommen und Sie damit konfrontieren, dass Ihr Sohn/ Ihre Tochter sich am Mobbing beteiligt, machen Sie nicht sofort dicht. Statt denjenigen zu beleidigen und dann wutentbrannt dem verzweifelten Elternteil die Tür zu zuschlagen, hören Sie doch einfach mal zu und versetzen Sie sich in die Lage des Elternteils, dass sich um das Wohlergehen seines Kindes sorgend, vor Ihnen steht. 


2. Gehen Sie mit gutem Beispiel voran

Ihre Kinder orientieren sich an Ihnen. Wenn Sie sich also eine Schule ohne Mobbing wünschen, dann müssen Sie aufhören dazu beizutragen, das Mobbing an unseren Schulen stattfinden kann. Das tun Sie, indem Sie aufhören sich schlecht über die Mitschüler Ihres Kindes und dessen Umfeld zu reden. Unterlassen sie Aussagen wie zum Beispiel: 

“Die Mutter von Ben heiratet jetzt schon zum dritten Mal. Aber sie hat sich mit Sicherheit auch noch nicht das letzte Mal Scheiden lassen.“

“Die Anna ist aber auch komisch, so zurückgezogen, da könnte man meinen sie sei knapp am Authismus vorbegeschrabbt.”

“Die neue Englischlehrerin von Lukas ist ja mal eine richtig fiese Hexe. Und fachlich hat diese Frau ja mal gar nichts drauf.”

Kinder schnappen solche Dinge gerne auf und tragen Ihre Redensarten mit in die Schule. Und vielleicht müssen Sie sich dann dafür verantworten, dass die Kinder Bens Mutter eine Hure nennen, Anna als behindert abstempeln oder die Englischlehrerin in die Psychiatrie mobben. Lästern Sie also nicht über andere Schüler, Lehrer oder Eltern, sonst werden Ihre Kinder das für legitim halten! Gehen Sie mit Ihren Mitmenschen so respektvoll um, wie Sie es sich für sich und Ihr Kind auch wünschen!


3. Kontaktieren sie die Eltern des Täters/ oder Opfers

Wenn Sie merken, dass sich Ihr Kind am Mobbing beteiligt oder dass Ihr eigenens Kind gemobbt wird, kontaktieren Sie die Eltern des Opfers bzw. des Täters. Sie werden aufgrund der Erzählungen ihres Kindes sicher nicht lange brauchen, um herauszufinden um wen es sich handelt. Bitte reagieren Sie auch nicht gleich abweisend darauf, wenn sie ein Elternteil anruft und Ihnen mitteilt, dass Ihr Sohn/ Ihre Tochter mobbt. Versetzen Sie sich in die Lage des Elternteils, dass Sie da ganz verzweifelt kontaktiert und überlegen Sie sich, was Sie sich wünschen würden.Vereinbaren Sie in jedem Fall einen Termin und treffen Sie sich mit den Eltern des anderen Kindes. Lassen Sie am besten einen Tag vergehen, damit Sie sich etwas beruhigen und sammeln können. Wichtig bei diesem Gespräch ist, dass Sie einander nicht beleidigen, anklagen oder respektlos behandelt, was bei emotionsgeladenen Eltern gerne mal passiert. Anschuldigungen und Schuldzuweisungen wie: “Das liegt alles an deinem Kind! Wie soll er sich auch anders verhalten bei deiner Laissez-faire Erziehung!”, bringen Sie hier doch gar nicht weiter. Also verzichten Sie ganz darauf in diesem Gespräch klären zu wollen wessen Schuld das Ganze ist, wer angefangen hat und er wie zur Situation beigetragen hat- das werden Sie ohnehin nicht aufdröseln können. Konzentrierien Sie sich stattdessen auf das, was Sie sich für die Zukunft und für Ihr Kind wünschen und wie Sie das erreichen können, z.B. “Ich möchte dass mein Sohn/ meine Tochter ohne Angst zu haben in die Schule geht, in der Klasse gut integriert ist und Freunde hat, damit er/sie vernünftig lernen kann!”. Sie werden sehen, Sie als Eltern wollen meist dasselbe für Ihre Kinder. Also arbeiten Sie miteinander statt gegeneinander! Besprechen Sie in Ruhe, was Sie jeweils von Ihren Kindern über die Situation erfahren haben, wer vielleicht noch beteiligt ist und ins Boot geholt werden sollte. Sprechen Sie auch darüber, was Sie erreichen möchten z.B. dass sich Ihre Kindern respektvoll begegnen. Das alles hat prima geklappt und Sie sind sich über das, was Sie erreichen möchten einig geworden? Prima, dann vereinbaren Sie jetzt einen zweiten Termin, bei dem Sie sich erneut, aber diesmal mit Ihren Kindern treffen. Kündigen Sie Ihren Kindern dieses Treffen am besten nicht Tage im Voraus an, da sonst in der Schule darüber geredet wird, was den Konflikt noch verschärfen kann. Es ist jetzt enorm wichtig, dass Sie als Eltern als geschlossene Front agieren. Sie wollen doch alle, dass Ihre Kindern gerne zur Schule gehen und dort respektvoll von Ihren Mitschülern behandelt werden, also vermeiden Sie sich gegenseitig in den Rücken zu fallen, sich anzuschuldigen und ähnliches. Legen Sie Regeln für das Gespräch fest. 

Wir reden respektvoll miteinander und beleidigen uns nicht.
Wir unterlassen es zu klären, wer die Schuld trägt, wer angefangen oder wer wie zur Situation beigetragen hat.
Wir bleiben in unserer Kommunikation bei usn selbst, d.h. wir sprechen nur über unsere eigenen gefühle, Gedanken und Emotionen.

Leiten Sie das Gespräch so oder so ähnlich ein: “Ihr wisst wahrscheinlich beide, warum wir uns heute hier getroffen haben. Wir möchten mit euch reden, weil wir über eure Situation in der Schule informiert sind und ein solches Verhalten nicht dulden. Wir möchten, dass Ihr euch mit Respekt begegenet und damit aufhört einander zu demütigen, zu provozieren, auszuschließen und dergleichen. Wir wünschen uns für euch, dass ihr beide wieder gerne zur Schule geht, und lernt eure Konflikte vernünftig auszutragen.”

Es ist sehr wichtig, dass Sie hier nicht das Wort “Mobbing” benutzen, denn das drängt die agierenden Personen in Rollen und wer ist schon gerne der Täter oder das Opfer? Beim Mobbing leiden meist sowohl das Opfer als auch der Täter. Vielen erscheint das komisch, da der Täter meist einen starken und selbstsicheren Eindruck macht; dabei ist ein solches Verhalten meist ein völlig falschverstandener Hilfeschrei. Geben Sie Ihren Kindern die Möglichkeit den Konflikt zu klären, aber achten Sie dabei darauf, dass Ihre Kinder keine Du-Botschaften und stattdessen Ich-Botschaften senden:  

Du-Botschaft: “Du provozierst mich jeden Tag, allein die Art, wie du mich ansiehst. Du behandelst mich wie ein Stück Scheiße.“

Ich-Botschaft: "Ich fühle mich von dir provoziert und abgewertet.“

 Beide Sätze, sagen dasselbe aus, mit dem Unterschied, dass mein Gegenüber sich durch die Du-Botschaft wahrscheinlich angegriffen fühlt und mich zurückbeleidigt. In der Ich-Botschaft findet man keine Anklage, da ich lediglich Anmerke, wie das Verhalten auf mich gewirkt hat und was es bei mir an Gefühlen ausgelöst hat.


4. Informieren Sie die Schule

Wenn Sie feststellen, dass es Mobbing in der Klasse gibt, kontaktieren Sie unverzüglich sowohl den Klassenlehrer, als auch den Schulleiter, am besten in einem gemeinsamen Gespräch und unabhängig davon, welche Rolle Ihr Kind in diesem Prozess spielt. Die Schule muss über solche Vorfälle informiert sein, um einzugreifen und dagegenarbeiten zu können. Gemeinsam mit der Schule können Sie dann auch Strategien zur Lösung des Mobbings erarbeiten. Sollte Ihnen angeboten werden das Mobbing ganz offen in einem Klassengespräch zu thematisieren, lehnen Sie dies bitte wehement und kategorisch ab, denn das führt nur dazu, dass sich die Fronten verhärten, und der Betroffene noch mehr leidet, als er/sie es ohnehinschon tut. Auch anonyme Gespräche wie “Jemand in der Klasse fühlt sich hier nicht wohl und schlecht behandelt”, schlagen fehl. Die Schüler sind doch nicht blöd und wissen sofort, wer gemeint ist und Sie Ihrer Ansicht nach “verpetzt” hat. Wenn man mit der Klasse darüber sprechen will, dann darf niemals der Begriff “Mobbing” dabei fallen.


5. Wenden Sie sich an die Polizei

Sollten Ihre Bemühungen allesamt ins Leere laufen, empfehle ich Ihnen sich bei Ihrer örtlichen Polizeidienststelle beraten zu lassen. Beim Mobbing wird gegen Gesetze verstoßen. Das ist natürlich strafbar und kann von Ihnen oder ihrem Kind selbst, sofern dies volljährig ist, zur Anzeige gebracht werden. Und manchmal ist das eben die einzige Sprache ,die die Täter verstehen. Wenn Sie sich dazu entscheiden sollten zur Polzei zu gehen, tauchen Sie dort nicht ohne Beweise auf. Das bedeutet, dass Sie alles, was im Internet über Ihr Kind geschrieben oder gepostet wird per Screenshot (=eine Art Foto vom Desktop) sichern müssen. Bewahren Sie jeden zugesteckten Zettel auf und protokollieren Sie am besten noch jedes Ereignis mit Datum und beteiligten Personen. Eine Anleitung für einen Screenshot finden Sie hier:

Öffnen Sie die Beleidigung, die Sie fotografieren möchten, sodass Sie sie gut lesen können. Auf ihrer Tastatur finden sie im rechten oberen Teil eine Taste, meistens in der obersten Zeile, mit der Bezeichnung “Druck” oder auch “Print”. Drücken sie diese einmal. Jetzt öffnen sie “Paint”. Dies ist eines der Standartprogramme von Windows und sollte sich auch auf ihrem Rechner finden. Dort klicken sie jetzt auf den Reiter “Einfügen” oben links. Alles was sie nun noch tun müssen, ist die Datei zu benennen und abzuspeichern. Am besten benennen Sie sie mit dem Datum, an dem die Beleidigung gepostet wurde. 


6. Kontrollieren Sie, was Ihr Kind im Internet macht

Die meisten Schüler nutzen soziale Medien wie facebook und nicht immer sind sich die Teenager im Klaren darüber, was Sie dort so zum besten geben. Denken Sie mal an Ihre Jugend zurück und an die Klamotten, die Sie damals getragen haben und extrem cool fanden. Das ist Ihnen heute vielleicht peinlich. Blöd nur wenn solche Bilder im Internet landen. Noch blöder, wenn man die dann auch noch selbst eingestellt hat. Aber so etwas bereut man dann oft erst später. Deshalb ist es wichtig, dass Sie kontrollieren, was Ihre Kinder im Netz so treiben. Schauen Sie doch mal ins Zimmer rein, wenn Ihr Kind am PC sitzt, und haken Sie mal nach, was das für eine Seite war, die Ihr Sohn/ ihre Tochter da eben kleingemacht hat, als Sie zur Tür reinkamen. Wenn Sie ein facebookprofil haben, dann vernetzen Sie sich mit Ihren Kindern, um so zumindest einen Teil von dem minzubekommen, was Ihre Sprösslinge da alles posten. Ich empfehle Ihnen von Anfang an mit Ihren Kindern über Verhaltensregeln im Internet zu reden und auch die strafrechtlichen Konsequenzen bei Verstößen aufzuzeigen, denn die sind dann alles andere als witzig. Vereinbaren Sie auch gleich Sanktionen mit Ihren Kindern, die bei Verstößen folgen, jetzt, da Ihre Kinder noch beteuern so etwas niemals zu tun, denn dann werden Sie ihr Fehlverhalten und die damit verbundene Sanktion im Falle eines Falles vielleicht eher akzeptieren. Falls Ihr Kind dann wirklich einmal etwas verletzendes postet, sprechen Sie mit ihm/ ihr darüber und kontrollieren Sie auch, dass ihr Kind sich dafür entschuldigt, denn sonst kann es auch schnell zu einer Strafanzeige kommen.

© Sylvia Hamacher 2017