Tipps für Betroffene

1. Such die Schuld nicht bei dir selbst!

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Als Mobbingopfer gelangt man ziemlich schnell an den Punkt, an dem man damit beginnt sich selbst die Schuld für das zu geben, was einem passiert. Viel zu schnell manifestieren sich die täglich eingetrichterten Glaubenssätze der Mitschüler oder Kollegen im eigenen Unterbewusstsein und man findet sich plötzlich auch “hässlich”, “dumm” und irgendwann sogar “wertlos”. Bei mir war es schon nach relativ kurzer Zeit so, dass ich nicht mehr in den Spiegel schauen und “Ich liebe und akzeptiere mich selbst” sagen konnte. Ich hasste mich, verachtete die Person, die mich im Spiegel ansah und gab mir selbst die Schuld daran, dass mich meine Mitschüler an den Rand meiner Kräfte brachten. Ich entschied, dass die Welt ein besserer Ort ohne mich sei und plante meinen Suizid. Nur der Rückhalt meiner Familie und die Angst davor, dass meine Eltern sich nach meinem Suizid ebenfalls etwas antun könnten und meine Mitschüler damit nicht nur mich, sondern auch noch meine Familie zerstören könnten, hielt mich am leben und vom Selbstmord ab. Heute weiß ich, dass es nicht an mir lag und ich es nicht verdiente von meinen Mitschülern so behandelt zu werden. Diese Erkenntnis möchte ich nun an alle Mobbingopfer weitergeben. Sucht die Schuld nicht bei euch, denn es gibt keine schlechte Eigenschaft oder “Macke” an euch, die ein solches Verhalten euer Mitschüler auch nur im Geringsten rechtfertigt. Ihr seid gut so wiel ihr seid und braucht euch für niemanden zu verändern. Es ist nicht euer Anspruch so zu sein, wie andere euch gerne hätten! Und wenn jemandem etwas an euch nicht passt, hat dieser jemand ein Toleranzproblem und das ist bestimmt nicht eure Schuld! Also gibt es keinen Grund sich klein, schwach oder wertlos zu fühlen und sich entsprechend zu verhalten. 

Lange Zeit habe ich mich dafür geschämt, dass es ausgerechnet mich getroffen hat. Ich hatte das Gefühl dadurch gebrandmarkt zu sein und eine Art Stempel auf der Stirn zu besitzen, anhand dessen jeder sehen kann, dass ich schon einmal Opfer von psychischer Gewalt geworden war. Das ist Unfug. Einen solchen Stempel, der andere dazu anstiften könnte dich erneut zu mobben, gibt es nicht. Wenn du das verstanden hast, an deinem Selbstbewusstsein arbeitest und hoch erhobenen Hauptes durchs Leben gehst, bietest du viel weniger Angriffsfläche, verringerst die Wahrscheinlichkeit Ähnliches erneut zu erleben und du wirst viel besser damit umgehen können, solltest du doch wieder in dieselbe Situation kommen. Ich weiß wovon ich rede, denn bei mir war es genau so.


2. Mach dich stark!

Ein starkes Selbstbewusstsein ist so ziemlich das einzige, was du dem Mobbing entgegensetzen kannst. Wenn du ein starkes Selbstbewusstsein hast und dieses auch aufrechterhältst, dann gelangst du erst gar nicht in die Abwärtsspirale, da du dir nicht die Frage stellt: “Liegt es vielleicht an mir?”. Das ist sehr wichtig, denn somit bleibst du handlungsfähig und kannst deine Ressourcen dafür nutzen dir Hilfe zu holen. Klingt alles leichter gesagt als getan, denn wie gelangt man zu einem guten Selbstbewusstsein? Und wie schaffe ich es dieses dann auch noch aufrechtzuerhalten? Mach dir bewusst, was du an dir magst. 

Welche deiner Eigenschaften schätzt du besonders? z.B. Ehrlichkeit, Freundlichkeit  Welche Fähigkeiten sind bei dir besonders gut ausgeprägt? z.B. Gesangstalent, Sportkanone usw. 
Was gefällt dir optisch an dir selbst? z.B. Augen, Beine, Haare usw. 

Sicher wird dir zu jedem Punkt etwas einfallen, bestimmt auch mehr als nur ein Begriff. Falls nicht, nimm dir Zeit dir deiner Eigenschaften, Fähigkeiten, Merkmale und Talente bewusst zu werden, die dich einzigartig und liebenswert machen! Jetzt kommen wir zu den Dingen, die du an dir nicht so richtig toll findest. 

Welche Eigenschaften kannst du an dir selbst nicht leiden? z.B. Ungeduld, Stimmungsschwankungen.
Welche Fähigkeiten fehlen dir vielleicht oder sind nicht so gut ausgeprägt? z.B. Zeichnen, Instrument spielen
Was gefällt dir an dir selbst optisch nicht? z.B. dicke Beine, große Nase

Schau dir die Punkte, die du aufgeschrieben hast noch einmal ganz genau an. Sind das wirklich Dinge die dich stören oder kritisieren das andere an dir? Sind es nicht gerade diese Eigenschaften, Fähigkeiten und körperlichen Merkmale, die dich einzigartig machen? Willst du diese Dinge wirklich ändern, oder bist du eigentlich ganz zufrieden mit dir und lässt dich lediglich von anderen irritieren? Und wenn du zu dem Entschluss kommst, dass du diese Dinge wirklich ändern möchtest, kannst du vielleicht daran arbeiten, indem du übst z.B. geduldiger zu sein, dich reinhängst um eine bestimmte Fähigkeit zu erwerben oder mehr Sport treiben, wenn du mit deinem Gewicht unzufrieden bist. Niemand ist perfekt, wir alle haben unsere Ecken und Kanten. Das ist auch gut so, denn wenn alle gleich aussehen würden und sich auch noch gleich verhielten, dann wäre sicher auch keiner zufrieden. Wenn du lernst dich selbst und andere so zu akzeptieren wie sie sind, sie einfach leben zu lassen, und vielleicht über kleine Makel hinwegzusehen, dann hast du eine große und sehr wertvolle Lektion gelernt. Zu lernen sich selbst zu akzeptieren und vielleicht sogar stolz auf Dinge zu sein, die einen selbst von anderen unterscheiden ist nicht leicht, aber du schaffst das! Schau zum Beispiel jeden morgen beim Fertigmachen in den Spiegel und sag: “Ich liebe und akzeptiere mich selbst, genauso wie ich bin!”. Wenn du dir selbst glaubst, strahlst du das auch aus und andere werden dich plötzlich verändert wahrnehmen. Probiers es ruhig mal aus! Die meisten Mobbingtäter mobben nur, weil sie mit sich selbst nicht zufrieden sind. Deshalb versuchen sie ihre eigene Unsicherheit zu überspielen, indem sie andere drangsalieren. 


3. Hol dir positves Feedback!

Die Dinge, die dir deine MitschülerInnen/ KollegInnen an den Kopf werfen, scheinen zunächst einfach an dir abzuprallen. Schließlich kennst du dich selbst am besten und weißt genau, dass du weder “dumm” noch “wertlos” bist. Aber wenn dir solche Dinge über einen langen Zeitraum täglich immer und immer wieder eingetrichtert werden, dann wirst du dich irgendwann dabei erwischen, wie du beginnst das, was man dir sagt, zu glauben. Um dem entgegenzuwirken und dich davon abzuhalten in die Negativspirale zu geraten, ist es ganz wichtig, dass du deine Kontakte außerhalb der Schule/ Arbeit aufrechterhältst z.B. im Sportverein, Orchester oder in der Gemeinde. Brich diese Kontakte nicht ab, denn diese Menschen zeigen dir, dadurch dass sie dich in ihrer Mitte akzeptieren, dass du erwünscht bist und auch wertgeschätzt wirst und bilden damit den Gegenpol zu dem, was man dir in der Schule/ auf der Arbeit sagt. Natürlich ist es schwer sich nicht zurückzuziehen und völlig einzuigeln, und oft fühlt man sich auch sehr erschöpft und kaum dazu in der Lage die sicheren vier Wände zu verlassen, aber versuch wirklich dahingehend deinen inneren Schweinehund zu überwinden und dich vor die Tür zu wagen. 


4. Nimm Hilfe in Anspruch

Viele Mobbingbetroffene empfinden es als Schwäche sich Hilfe zu suchen, dabei ist das alles andere als schwach. Denn um Hilfe zu bitten erfordert viel Mut und zeugt deshalb von großer mentaler Stärke! Wenn du in der Schule gemobbt wirst, dann wende dich an deinen Klassenlehrer, deinen Vertrauenslehrer, deinen Direktor, deinen Schulsozialarbeiter oder deinen Schulpsychologen. Sie alle sind neben der Wissensvermittlung auch für solche Belange der Schüler zuständig und schließlich auch für dein Wohlergehen und deine Sicherheit in der Schule verantwortlich. Erkläre ihnen was los ist, wie es dir geht und was du dir von ihnen wünscht. Am besten stellst du auch Kontakt zu der psychologischen Beratungsstelle deiner Stadt und gehst auch zu deiner lokalen Polizeidienststelle, um dich über deine Möglichkeiten zu informieren. Deine Mitschüler begehen Straftaten und es steht dir deshalb auch frei, diese anzuzeigen und davor solltest du auch nicht zurückschrecken.

Ich empfehle dir ein Mobbingtagebuch zu führen. Ich weiß, du wirst das sicher jetzt erst einmal belächeln, aber du wirst merken, dass man als Mobbingbetroffener schnell seine Erlebnisse verdrängt und es einem dann schwer fällt, sich an einzelne Situationen zu erinnern und sich ins Gedächtnis zu rufen wer z.B. dabei war. Ein Mobbingtagebuch sieht ungefähr so aus:


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Das kannst du dann deiner Vertrauensperson vorlegen. Für diese ist es dann leichter, dass was du berichtest nachzuvollziehen, den Täterkreis einzugrenzen und entsprechende Maßnahmen zu erarbeiten.Wenn du einen guten Draht zu deinen Eltern hast und es ihnen erzählen möchtest, dann tue auch das! Ansonsten such dir auch außerhalb der Schule jemanden, mit dem du darüber reden kannst. Es ist egal, ob das deine beste Freundin/ dein bester Freund ist oder deine Großeltern, deine Patentante/ dein Patenonkel oder irgend eine andere dir nahestehende Person. Sich seine Sorgen von der Seele zu reden tut wirklich sehr gut!Zusätzlich solltest du konkrete, für dich sehr belastende Erlebnisse aufschreiben, damit du eine Chance hast diese zu verarbeiten, statt zu verdrängen. Wer verdrängt wird irgendwann von dem was er erlebt hat eingeholt, überwältigt und in ein sehr tiefes und sehr dunkles Loch gezogen. Da willst du sicher nicht hineinfallen oder? Irgendwann gibt es einen Punkt, an dem das alles nicht mehr ausreicht. Dieser ist erreicht, wenn du dich selbst hasst, dich verletzt, indem du dich ritzt, dem Mobbing zu entfliehen versuchst indem du dich mit Alkohol oder Drogen betäubst oder die ersten Suizidgedanken auftauchen. Dann ist es an der Zeit sich professionelle Hilfe bei einem Psychologen zu suchen. “Ich bin doch kein Psycho!”, schießt es dir vielleicht gerade durch den Kopf, und das kann ich nachvollziehen, denn auch ich habe vor Beginn meiner Therapie so gedacht. Aber jetzt habe ich eine Frage an dich: “Wo gehst du hin, wenn du eine Grippe hast?”- "Zum Arzt, ist doch klar!”, wirst du jetzt sicher denken. “Und wohin gehst du, wenn nicht dein Körper krank ist, sondern dein Geist?”-”Zum Psychologen”. Ein Psychologe ist im Grunde nichts anderes als ein Arzt, der sich um dein Innerstes kümmert und das ist doch wohl mindestens genauso wichtig wie deine körperliche Gesundheit oder? Also hab keine Angst einen Psychologen oder Psychotherapeuten aufzusuchen. Für mich war es damals der Wendepunkt: Raus aus dem schwarzen Loch- und zurück ins Leben!


5. Sichere die Beweise

Dadurch, dass du ein Mobbingtagebuch führst, tust du das schon bedingt. Es gibt allerdings noch eine Steigerung dazu. Sammle alles an Beweisen, was du bekommen kannst. Statt zum Beispiel die Zettel, die man dir im Unterricht zuschiebt, wegzuwerfen, verwahre diese. Ebenso verhält es sich mit Beleidigungen oder Bildern von dir im Internet z.B. auf Facebook. Fertige von allem, was dort über dich gepostet wird, einen Screenshot an. Da ist im Grunde nichts anderes als ein Foto deines Desktops, sodass du beweisen kannst, dass diese Dinge wirklich dort gestanden haben. Wie genau das geht, erkläre ich dir jetzt:

Öffne die Beleidigung, die du fotografieren möchtest, sodass du sie gut lesen kannst.Auf deiner Tastatur findest du im rechten oberen Teil eine Taste, meistens in der obersten Zeile, mit der Bezeichnung “Druck” oder auch “Print”. Drück diese einmal. Jetzt öffnest du “Paint”. Dies ist eines der Standartprogramme von Windows und sollte sich auch auf deinem Rechner finden. Dort klickst du jetzt auf den Reiter “Einfügen” oben links.Alles was du nun noch tun musst, ist die Datei zu benennen und abzuspeichern. Am besten benennst du sie mit dem Datum, an dem die Beleidigung gepostet wurde. Wenn du das Programm Paint nicht auf deinem Rechner hast, kannst du auch andere Programme verwenden, wie zum Beispiel “Picasa” von Google, das du dir kostenlos downloaden kannst. Öffne das Programm einfach und drücke dann wie gehabt “Druck”/”Print”, dann speichert Picasa den Screenshot automatisch.


6. Bleib bei dir

Sicher werfen dir deine Mitschüler vor sie zu ihrem Verhalten zu provozieren und natürlich hat man als Mobbingbetroffener auch irgendwann mal die Nase voll und wehrt sich, teils verbal, teils körperlich. Allerdings wird dieses durchaus nachvollziehbare Verhalten dann von den Lehrern getadelt und auch sanktioniert. Um also nicht noch tiefer in die Abwärtsspirale zu geraten und um wieder einen Weg raus aus dem Mobbing zu finden, musst du versuchen auf deine Kommunikation zu achten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es durchaus Schüler gab, die versuchten auf mich zuzugehen und mir eventuell auch geholfen hätten, allerdings war der Mobbingprozess zu diesem Zeitpunkt schon weit fortgeschritten und ich war so gekränkt, dass ich niemanden mehr an mich heran gelassen habe. Damit dir das nicht auch passiert ist es wichtig, dass du bei dir bleibst. Wir alle sind nur Menschen und besitzen keine übernatürlichen Kräfte, die es uns erlauben in die Köpfe unserer Mitmenschen zu sehen und dadurch zu erfahren, was sie denken und fühlen. Auch aus dem Verhalten und der Worte anderer können wir nur bedingt ableiten, was andere denken, fühlen und wollen. Deshalb ist das einzige, was du mit Sicherheit sagen kannst, wie du dich fühlst, was du denkst und was du dir wünschst. Denk immer daran, wenn du kommunizierst. Stell dir die Fragen: Wie fühle ich mich jetzt in diesem Augenblick? Warum fühle ich mich so? Was würde ich mir jetzt wünschen? Was würde meine Situation jetzt verbessern? 

Ein Beispiel: Du stehst alleine auf dem Schulhof. Plötzlich kommt ein Junge aus deiner Parallelklasse und stellt sich zu dir. Er begrüßt dich lächelnd und fragt, wie es dir geht. Du bist misstrauisch und vermutest, schon allein aufgrund seines dämlichen Grinsens, dass er nur einen auf nett macht, um von dir etwas Neues zu erfahren, über dass er sich dann gemeinsam mit den anderen lustig machen kann. Also sagst du ihm, dass er Leine ziehen soll und der Junge geht. Was hast du jetzt davon? Du stehst weiterhin alleine auf dem Schulhof und der Junge denkt sich vielleicht jetzt, dass du es verdienst gemobbt zu werden, so zickig wie du bist und dass er dir dann eben auch  nicht helfen kann und will. Besser wäre es also bei dir zu bleiben. Sag dem Jungen doch einfach, dass du dich über seine Gesellschaft freust und dir auch wünschst, nicht immer alleine auf dem Schulhof stehen zu müssen, aber dass du etwas verunsichert bist, weil er sich vorher nie zu dir gestellt hat und du jetzt natürlich Angst davor hast, dass er sich auch am Mobbing beteiligt. Wenn der Junge es jetzt ernst meint, wird er dich beruhigen und dir vielleicht einen Lösungsvorschlag machen. Ich bin mir sicher, dass ihr da schon auf einen gemeinsamen Nenner kommt. Einen Versuch ist es sicher wert.

© Sylvia Hamacher 2017